Auftrag aus Indien: Einmal Palast-Uhren reparieren, bitte!

ISERBROOK
Auftrag aus Indien: Einmal Palast-Uhren reparieren, bitte!

Foto: Wolfgang Domann/Privat
Der Uhrmachermeister Wolfgang Domann reiste zu einem Maharadscha nach Indien, um in dessen Palast historische Uhren zu restaurieren.

Iserbrook. Der Hamburger Wolfgang Domann hat in seiner 36-jährigen Laufbahn als Uhrmachermeister schon einiges erlebt. Dass eine Dame aus Saigon anruft und ihn bittet, in einem Indischen Palast historische Uhren zu reparieren, kommt allerdings nicht so häufig vor. Kein Wunder also, dass Domann diesen Anruf erst für einen Scherz hält. Doch schnell wird klar, dass es die unbekannte Anruferin tatsächlich ernst meint.

Wolfgang Domann aus Iserbrook gehört einem bundesweiten Fachkreis für historische Uhren an. Zusammen mit ein paar Kollegen restauriert er regelmäßig ehrenamtlich im Museum Peterhof in St. Petersburg antike Uhren. Über seine Tätigkeit wurde für das Dritte Programm ein Film gedreht. Dieser Film wurde auch über die Deutsche Welle ausgestrahlt und dort hatte die Dame aus Saigon Domann und seine Kollegen entdeckt. Die Anruferin aus Saigon stand in Kontakt mit dem Umaid Bhawan Palace in Jodhpur. Dort befindet sich auch ein Museum, in dem wiederum viele defekte Uhren stehen. Also fragte die Dame aus Saigon den Uhrmachermeister, ob er und seine Kollegen nicht auch einmal ihre ehrenamtliche Tätigkeit in Indien ausüben wollten. Und Domann wollte.

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Im Februar 2011 sollte er nun mit fünf anderen Uhrmacher-Kollegen das erste Mal nach Indien reisen. Die Bedingung seitens Domann war allerdings, dass Ehepartner mit von der Partie seien. Der Maharadscha von Jodhpur kümmerte sich um die Unterkunft und die Verköstigung, die Uhrmacher samt Ehepartner mussten sich um Flug und Visa kümmern – immerhin 2000 Euro pro Person mussten sie dafür ausgeben. Zwei Wochen sollte der Aufenthalt beim Maharadscha dauern. Da es im Palast keine Werkstatt gab, mussten Domann und sein Team alles selbst mitbringen. “Wir mussten also eine komplette Werkstatt mit nach Indien nehmen, 20 Kilo pro Person “, sagt Domann. Kurz vor dem Abflug war Domann dennoch am Zweifeln, ob es das alles klappen würde.

Doch in Jodhpur angekommen, waren alle Zweifel wie weggeblasen: ” Wir wurden mit rotem Teppich begrüßt, direkt im Palast des Maharadscha Gaj Singh II untergebracht und wie Fürsten behandelt”, sagt Domann.

In einem Tanzsaal des Maharadscha wurde die provisorische Werkstatt eingerichtet. Dort sollten rund 100 Uhren, die sich im Museum des Maharadschas befanden, repariert und restauriert werden. “Die Uhren waren in einem erbärmlichen Zustand, alles was Messing oder Bronze war, war von einer dicken Schicht Grünspan überzogen”, sagt Domann. Zum einen lag das an der hohen Luftfeuchtigkeit in Indien, zum anderen aber auch daran, dass es in ganz Indien keinen Uhrmacher gibt, der sich um die Restauration der Uhren kümmern kann.

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Besonders gut kann sich der 61- jährige Uhrmachermeister an seine Begegnung mit dem Maharadscha erinnern. “Wir hatten uns schon im Vorfeld Gedanken gemacht, wie man einem Maharadscha begegnet, wir wollten aber eigentlich nicht den landestypischen Kniefall machen”, sagt Domann. Das mussten sie dann auch nicht, denn der Maharadscha begrüßte Domann und sein Team ganz locker und weltlich per Handschlag. Einmal hatte der Maharadscha sogar Tränen in den Augen. Domann hatte ihm eine alte Spieluhr vorgeführt, die der Maharadscha wohl noch nie hatte laufen sehen.

Auch in diesem Jahr war Domann mit seinen Kollegen wieder in Indien, um sich um die Uhren des Maharadscha zu kümmern. Allerdings waren sie diesmal nicht so pompös untergebracht und nicht mit rotem Teppich empfangen. Für Domann ein Zeichen der Wertschätzung. “Mittlerweile sind wir nichts Besonderes mehr für die Inder, wir haben uns integriert”, so der Uhrmachermeister. Wenn Domann von seinen Indien-Erlebnissen erzählt, gerät er immer wieder ins Schwärmen: “Es war wie in 1001 Nacht”. Und noch etwas anderes begeisterte ihn während seiner Reisen: “Uhrmacher sind normalerweise Einzelkämpfer und während der Reise haben wir alle in einem Team gearbeitet”. Auch im kommenden Jahr wird Domann wieder nach Indien fliegen- wahrscheinlich zum letzten Mal, denn er will sich jetzt wieder verstärkt um die historischen Uhren im Museum in St. Petersburg und natürlich auch um seinen eigenen Betrieb in Iserbrook kümmern.

Artikel erschienen am 04.09.2012 Hamburger Abendblatt Mobil von
Christina Lachnitt